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Teure deutsche Energierechnung

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Bei den beiden wichtigsten Energieträgern Öl und Gas ist Deutschland fast vollständig von Importen abhängig - und so schlug sich die letztjährige Ölpreishausse drastisch in der Importrechnung nieder. Die Einfuhren für die fossilen Energieträger haben 2005 mit 54 Mrd. € erstmals die 50-Mrd.-Marke überschritten. Für 2006 ist angesichts der anhaltenden Energiepreisrallye keine Entlastung in Sicht - im Gegenteil: Die Energieimporte dürften sich nochmals deutlich auf über 65 Mrd. € verteuern. Dank der Exportstärke der deutschen Wirtschaft sollte der Handelsbilanzüberschuss aber zum dritten Mal in Folge über 150 Mrd. € liegen.

 

Der deutsche Außenhandel konnte im Jahr 2005 trotz des dramatischen Anstiegs der Öl- und Energiepreise erneut mit Rekordüberschüssen aufwarten:

blau: Im Zuge der kräftig gewachsenen Weltwirtschaft und einer robusten Zunahme des Welthandels erhöhten sich die deutschen Warenexporte um 8% gg. Vorjahr auf 786 Mrd. €. Damit haben sie sich seit 1995 immerhin verdoppelt.
blau: Die Warenimporte stiegen diesmal noch stärker um 9% gg. Vorjahr auf 626 Mrd. €. Sie waren damit doppelt so hoch wie 1993.
blau: Der Handelsbilanzüberschuss nahm dadurch nur noch leicht auf 161 Mrd. € zu (nach 156 Mrd. €). Mit einem Aktivsaldo von 7% des BIP liegt Deutschland unangefochten an der Spitze aller Industrieländer.
blau: Bei den übrigen Teilen der Leistungsbilanz verringerte sich das Defizit der Dienstleistungsbilanz auf 28 Mrd. € und der Aktivsaldo der Erwerbs- und Vermögenseinkommen stieg auf 9 Mrd. €. Während das Defizit der Übertragungsbilanz bei 29 Mrd. € blieb, verzeichneten die Ergänzungen zum Außenhandel einen größeren Passivsaldo von 20 Mrd. €.
blau: Insgesamt ergab sich dadurch ein neuer Rekordüberschuss in der Leistungsbilanz von 92 Mrd. € (nach 82 Mrd. €). Das entsprach einem Anteil von 4% des BIP.

 

Starker Importpreisanstieg treibt die Wareneinfuhren

Das kräftige nominale Export- und Importwachstum setzte sich unterschiedlich zusammen. Da der Index der Ausfuhrpreise 2005 gegenüber dem Vorjahresdurchschnitt um 1,3% stieg (2004: +0,5%), resultierten fünf Sechstel des Exportzuwachses aus einer echten Mengenzunahme.
Der Importzuwachs war dagegen nur zur Hälfte "real", die andere Hälfte war auf die höheren Einfuhrpreise zurückzuführen: Der Index der Einfuhrpreise stieg nach Mitteilung des Statistischen Bundesamtes im Jahresdurchschnitt 2005 gegenüber dem Vorjahr um 4,3% (2004: +1,0%). Dies war die höchste Jahresteuerungsrate seit 2000 (+10,1%). Dabei stiegen die Preise für Importe aus dem Euro-Gebiet (+3,5%) etwas schwächer als aus dem Nicht-Euro-Raum (+4,9%). Zum einen verteuerten sich im Jahresverlauf vor allem die Einfuhrpreise für Rohstoffe und Halbwaren, welche überwiegend aus Ländern außerhalb der EWU eingeführt werden. Zum anderen führte auch die Abwertung des Euro im Jahresverlauf zur Verteuerung deutscher Importe.

 

Durch Öl und Gas geprägter deutscher Energiemix ...

In der deutschen Energieimportrechnung spiegeln sich sowohl der heimische Energiemix als auch die inländische Verfügbarkeit der bei uns eingesetzten Energiearten wider. Nach Berechnungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hat sich die Struktur des Primärenergieverbrauchs (PEV) im letzten Jahr kaum verändert. Der Beitrag des Mineralöls sank 2005 leicht auf 36%, gefolgt vom Erdgas mit einem Anteil von 23%. Auf Steinkohle entfielen 13% und auf Braunkohle 11%. Die Kernenergie trug 12,5% zur Energieversorgung bei und die erneuerbaren Energien hatten einen Anteil von zusammen 4,5%. Insgesamt ist der deutsche PEV im Jahr 2005 sowohl durch das hohe Preisniveau als auch durch die schwache Konjunktur um 1,3% zurückgegangen. Bei einem BIP-Zuwachs von 0,9% hat damit die Energieeffizienz der deutschen Volkswirtschaft mit gut 2% erneut zugenommen.

 

... und starke Importabhängigkeit bei wichtigen Energieträgern

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein an Rohstoffen und Energieträgern verhältnismäßig armes Land. Davon machen nur Braunkohle und Steinkohle eine deutliche sowie Erdgas eine gewisse Ausnahme. So liegt die Eigenförderung der Braunkohle bei nahezu 100%, die der Steinkohle zuletzt bei rd. 40% und bei Erdgas belief sich die Inlandsgewinnung 2005 noch auf 16%. Mineralöl wird hingegen zu etwa 98%, Uran gar zu 100% aus dem Ausland bezogen. Bei den erneuerbaren Energien besteht kein direkter Importbedarf, da sie im Inland - im Rahmen der bekannten klimatischen und topographischen Beschränkungen - dauerhaft zur Verfügung stehen. Insgesamt ergab sich daraus eine Energieimportabhängigkeit von über zwei Dritteln - Tendenz zuletzt steigend. Bei den beiden wichtigsten Energieträgern Öl und Gas ist Deutschland also fast vollständig bzw. sehr stark von Importen abhängig.

 

Deutsche Energieimporte im Einzelnen:

Die deutsche Energierechnung soll im Folgenden anhand der nach dem Energiestatistikgesetz erhobenen Importe bei den fossilen Energieträgern Öl, Gas und Kohle ermittelt werden. Wegen der wenig transparenten Datenlage bei Uran wird dieses nicht in die Berechnung einbezogen. Ergänzend sei darauf verwiesen, dass es auch Exporte bei den fossilen Energieträgern gibt, die im Vergleich zu den Importmengen aber vernachlässigbar sind. Gleichfalls nicht berücksichtigt wird hier der Außenhandel mit Strom und Mineralölprodukten.

blau: Rohöl:
Die deutsche Rohölrechnung verteuerte sich 2005 deutlich um 45% auf 35,3 Mrd. €. Damit wurden die bisherigen Höchstwerte von rd. 24 Mrd. € aus den Jahren 2000 und 2004 deutlich übertroffen.
Dafür war fast ausschließlich die Preiskomponente verantwortlich, denn der Importpreis legte im Jahresdurchschnitt allein um 42% von 221,74 auf 314,47 €/t zu. Am teuersten waren die "Hurrikanmonate" August und September mit 378 bzw. 372 €/t. Die billigsten Einfuhren gab es im Januar mit 236 €/t. Der Dezember war mit 352 €/t zwar "nur" der viertteuerste Monat des Jahres, er verzeichnete aber mit 62% die größte Teuerung im Vorjahresvergleich.
Die Mengenkomponente wuchs 2005 hingegen nur um 2% auf 112,2 Mio. t. Dabei ist zum einen der recht gleichmäßige Importfluss im Jahresverlauf interessant: Die monatlichen Einfuhren schwankten nur zwischen 8,7 Mio. t im Februar und Juni sowie 9,8 Mio. t im Oktober und Dezember. Zum anderen korrespondiert die Jahresimportmenge mit der bundesdeutschen Raffineriekapazität, die sich lt. "ESSO Oeldorado" im Jahr 2004 auf rd. 115 Mrd. t belief. Dies zeigt, dass die Bundesrepublik - wie viele andere Industrieländer auch - mit (zu) wenig freien Weiterverarbeitungskapazitäten operiert.
Analysiert man die regionale Verteilung der Rohölimporte, so entfallen allein vier Fünftel auf 5 von insgesamt 27 Lieferländern. 2005 führte die Russische Föderation (34%) deutlich vor Norwegen (15%), Großbritannien (13%), Libyen (11%) und Kasachstan (7%). 28% der gesamten Rohöleinfuhren stammten damit aus den "nahen" Nordseeölquellen, deren Produktion nach Ansicht der meisten Fachleute mittlerweile aber ihren Höhepunkt überschritten hat. 23% wurden aus OPEC-Mitgliedsländern importiert, wobei die Bundesrepublik wenig Rohöl von den beiden OPEC-Schwergewichten Saudi-Arabien und Iran bezieht. Unsere wichtigsten OPEC-Lieferanten sind vielmehr Algerien und Libyen, die die bei uns stärker nachgefragten leichten und damit höherwertigen Rohöle anbieten. Unter den TOP 12 sind neben Kasachstan mit Syrien und Aserbaidschan aber auch kleinere unabhängige Produzenten vertreten.
blau: Erdgas:
Bei der Erdgasrechnung zeigen sich viele Parallelen zum Rohöl. Der Gasimport wuchs 2005 signifikant um 38% auf 15,3 Mrd. €. Damit wurde der bisherige Höchstwert von 11,4 Mrd. € aus dem Jahre 2001 klar überboten. Auch hier war die Preiskomponente fast allein für die teurere Importrechnung verantwortlich. Der vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) veröffentlichte Grenzübergangspreis verteuerte sich im Jahresdurchschnitt 2005 allein um 36% von 3288 auf 4481 €/TJ. Das Statistische Bundesamt verweist auf den speziellen Preisbildungsmechanismus bei Erdgas, der derzeit bei den Endverbrauchern für so viel Aufregung sorgt. Die Gaseinfuhrpreise sind über zumeist langfristige Lieferverträge an die Ölpreisentwicklung gekoppelt. Dadurch setzten sich die seit April 2004 zu beobachtenden Gaspreiserhöhungen im Laufe des Jahres 2005 verstärkt fort. Der Importpreis stieg dabei im Zuge einer stetigen Verteuerung zwischen Januar und Dezember um 38% von 3944 auf 5426 €/TJ.
Die Mengenkomponente wuchs 2005 hingegen nur um 1% auf 3,42 Mio. TJ. Anders als beim Erdöl schwankte der Importfluss analog zum Heizbedarf im Jahresverlauf: Von April bis Oktober lag die Menge unter dem Monatsdurchschnitt, in den übrigen fünf Monaten über 300.000 TJ. Dabei übertraf das Dezember-Maximum das September-Minimum um immerhin 78%.
Die Regionalstruktur zeigt die ungebrochene Dominanz der drei großen Lieferanten: Russland liegt mit 42% weiter unangefochten vor Norwegen (32%) und den Niederlanden (21%). Auf die übrigen Anbieter wie Dänemark und Großbritannien entfielen lediglich 5%. Aufgrund der sehr kapitalintensiven Infrastruktur gerade für den Pipelinebau und den skizzierten langfristigen Lieferverträgen wird sich an der beschriebenen Regionalstruktur nur wenig ändern. So dürfte die im Bau befindliche Ostseepipeline zur Lieferung von russischem Erdgas nach Deutschland unter Umgehung der bisherigen Transitländer die Stellung des russischen Erdgases in Westeuropa auf lange Sicht festigen. Da sich die Lieferungen aus Norwegen und den Niederlanden aufgrund der dort begrenzteren Vorratslage nicht mehr so stark steigern lassen, erhöhen sich gerade vor dem Hintergrund der politisch gewünschten Diversifizierung die Marktchancen anderer Gasanbieter, wie zum Beispiel aus Nordafrika. So sind Algerien und Libyen schon stark auf dem südeuropäischen Markt vertreten. Im Zusammenhang mit Importen aus entfernteren Drittländern wie Nigeria könnte auch der Transport per Tanker in Form von Flüssiggas (LNG) an Bedeutung gewinnen. Das setzt allerdings auch den Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur voraus.
blau: Steinkohle:
Die deutschen Stein- und Kokskohlenimporte erreichten 2005 mit 2,9 Mrd. € eine ähnliche Größenordnung wie im Rekordjahr 2004. Damals hatte sich der Wert um fast zwei Drittel erhöht: Das war nicht nur das Resultat deutlich gestiegener Einfuhrmengen, sondern vor allem eines kräftigen Anstiegs der Importpreise, in dem sich die hohe Nachfrage auf dem Weltmarkt und gleichfalls anziehende Frachtraten niederschlugen. Importierte Kraftwerkskohle verteuerte sich damals zum Beispiel um 40%. 2005 legte deren Preis noch einmal um ein Sechstel auf 65 €/t SKE zu.
Bei der Mengenkomponente hat das Statistische Bundesamt für das letzte Jahr rückläufige Steinkohlenimporte in die Bundesrepublik ausgewiesen: Sowohl bei "Steinkohle und -briketts" (30,5 Mio. t) als auch bei "Koks und Schwelkoks" (4,9 Mio. t) gab es zweistellige Rückgänge. Mit zusammen 35,4 Mio. t ist das aber nicht nur der zweithöchste Jahreswert, er läge auch doppelt so hoch wie 1995. Dieses höhere Niveau spiegelt die seit den 90er Jahren zu beobachtende Entwicklung wider: Einerseits wird die inländische Produktion im Zuge des "Jahrhundertvertrages" und des "Kohlekompromisses" schrittweise heruntergefahren, andererseits wird zunehmend preisgünstigere Weltmarktkohle gerade zur Stromerzeugung importiert. In der Regionalstruktur der Kohle-Importe für 2004 dominierten Südafrika (23%) und Polen (22%) vor Russland (16%), Australien (11%) und Kolumbien (10%).

 

Fazit: Teure Energieeinfuhren 2005

Addiert man nun die Einfuhrrechnung für die einzelnen fossilen Energieträger (Rohöl: 35,5 Mrd. €, Erdgas: 15,5 Mrd. €, Steinkohle: 3 Mrd. €), so hat diese im letzten Jahr erstmals die 50-Mrd.-Marke überschritten. Mit fast 54 Mrd. € übertraf sie das Niveau von 2004 um immerhin 15 Mrd. €. Nachdem die deutsche Energierechnung schon seit dem Ölpreissprung im Jahr 2000 bei über 30 Mrd. € jährlich lag, gab es also 2005 einen neuen "Quantensprung" auf über 50 Mrd. €.
Dies entsprach immerhin einem Anteil von 2,4% des BIP (nach 1,7% in 2004). Die hohe Energierechnung hat in den letzten Jahren einerseits die inländische Kaufkraft, insbesondere der privaten Haushalte, deutlich gedämpft. Dies dürfte auch eine wesentliche Erklärung für die schwache Inlandsnachfrage gewesen sein. Andererseits hat sie natürlich auch die Kaufkraft der Energieausfuhrländer deutlich erhöht, wovon Deutschland als "Exportweltmeister" auch großer Nutznießer ist. Der Netto-Effekt für unsere Volkswirtschaft dürfte aber kontraktiv gewesen sein, zumal die Auslandsaufträge oft erst mit Verzögerung eingehen.

 

Ausblick 2006: Keine Entlastung in Sicht

Für 2006 zeichnet sich eine noch höhere Importrechnung ab: Zum einen ist die Öl- und Gasnachfrage zumindest kurzfristig recht preisunelastisch, zum anderen dürften die Energiepreise weiter anziehen.

blau: Angesichts der anhaltenden Risikofaktoren gerade auf der Ölangebotsseite (Stichwort: Iran) ist keine Entlastung in Sicht. Das unterstreicht auch die Öl- und Gaspreisentwicklung in den ersten vier Monaten. Geht man von einem neuerlichen Anstieg des Brent-Ölpreises auf gut 65 $/b im Jahresdurchschnitt aus, so würde sich die deutsche Ölrechnung um ein Viertel auf 44 Mrd. € verteuern.
blau: Bei den Erdgasimporten ist sowohl ein leichter Zuwachs bei der Mengenkomponente gerade aufgrund des langen Winters als auch ein zweistelliges Plus beim deutschen Grenzübergangspreis zu erwarten. Der Gaspreis wird 2006 nämlich schon allein wegen der verzögerten Anpassung an die letztjährige Ölpreisrallye im Jahresmittel weiter steigen, wodurch die Erdgasrechnung um ein Fünftel auf 18,5 Mrd. € zulegen dürfte.
blau: Beim Kohleimport ist mit einer ähnlichen Rechnung wie 2004 und 2005 in Höhe von rund 3 Mrd. € zu rechnen.

Für 2006 zeichnet sich damit unter der Prämisse der skizzierten Ölpreis- und Verbrauchsentwicklung ein Importrekord bei den fossilen Energieträgern von gut 65 Mrd. € ab. Der Anteil am BIP nähme dann weiter auf 2,8% zu. Dies wäre eine Zunahme von 12 Mrd. € - immerhin vier Fünftel des Anstiegs von 2005. Somit wird die erneute Verteuerung der Energierechnung die Binnenkonjunktur weiter belasten. Für den deutschen Außenhandel insgesamt sind die Aussichten angesichts der ungebrochenen Dynamik der Weltwirtschaft aber auch dieses Jahr gut. Wie in den beiden Vorjahren ist somit für 2006 ebenfalls mit einem Handelsbilanzüberschuss von mindestens 150 Mrd. Euro zu rechnen.

 

© Akademie für Welthandel, April 2006