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ARTIKEL

Lateinamerika steuert gut durch die Krise

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Lateinamerikas Volkswirtschaften sind in den letzten beiden Jahrzehnten immer wettbewerbsfähiger geworden. Davon zeugt auch die schnelle und robuste Erholung in den meisten Ländern nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Das reale BIP der Region dürfte nach IWF-Prognosen im Jahr 2010 überdurchschnittlich um fast 6 % wachsen und im Jahr 2011 mit 4 % genauso stark wie die Weltwirtschaft zulegen. Brasilien als größte Wirtschaftsmacht des Kontinents steht vor einer Wachablösung, da Präsident Lula nach 8 Jahren Amtszeit nicht wiedergewählt werden darf.

 

Lateinamerika steht im Jahr 2010 nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sportlich, politisch und kulturell besonders im internationalen Rampenlicht. Nach dem per Saldo enttäuschenden Abschneiden bei der diesjährigen Fußball-WM in Südafrika - die Mitfavoriten Brasilien und Argentinien schieden schon im Viertelfinale aus, Uruguay rettete wenigstens die Ehre der Region mit einem vierten Platz - gab es dann in der zweiten Jahreshälfte positivere Schlagzeilen:

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So war mit Argentinien das diesjährige Gastland der Buchmesse Ende August Schwerpunktthema des Frankfurter Museumsuferfestes - sowohl mit passenden Exponaten der Museen als auch diversen Kulturveranstaltungen.
blau:
Anfang Oktober war Argentinien - nach Mexiko (1992) und Brasilien (1994) - dann Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse. Im Rahmen des kulturpolitischen Engagements der Fachmesse wurde ein buntes Programm rund um die argentinische Kultur und Literatur präsentiert, das auch durch den Besuch der argentinischen Präsidentin Kirchner aufgewertet wurde.
blau:
Den literarischen Ritterschlag erhielt Lateinamerika in der Buchmessenwoche mit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises 2010 an den peruanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa. Damit wurde erstmals seit 1990 (Octavio Paz aus Mexiko) wieder ein Autor aus dieser Region ausgezeichnet.

 

"Bicentenario": 200 Jahre Unabhängigkeit in vielen Ländern Lateinamerikas

Die spanische Kolonialherrschaft über Mittel- und Südamerika dauerte mehrere Jahrhunderte. Vor 200 Jahren beschritten dann viele lateinamerikanische Länder den Weg zur Unabhängigkeit, als Napoleon das Königreich Spanien besetzte und in Madrid ein ungewohntes Machtvakuum entstand. Unter dem Begriff "Bicentenario" wird in Argentinien, Bolivien, Chile, Ecuador, El Salvador, Kolumbien, Mexiko, Para-guay, Uruguay und Venezuela der Ereignisse von 1809 bis 1811 gedacht. Die Sommermonate waren von zahlreichen Feierlichkeiten in den Hauptstädten gekennzeichnet.

 

Lateinamerikas Volkswirtschaften immer wettbewerbsfähiger ...

Nach dem verlorenen Jahrzehnt der 1980er Jahre mit einer verfehlten "Importsubstitutionspolitik" ist Lateinamerika in den letzten beiden Jahrzehnten mit zunehmendem Erfolg auf den Globalisierungszug aufgesprungen. Das verhalf der Region im Schnitt zu einem BIP-Wachstum von gut 3 % zwischen 1992 und 2009. Der Anteil Lateinamerikas am gesamten Welthandel belief sich lt. Welthandelsorganisation 2009 auf fast 6 %. In der vielbeachteten TOP-30-Liste der größten WTO-Warenexporteure für 2009 findet man Mexiko mit 230 Mrd. $ auf Platz 15 und Brasilien mit 153 Mrd. $ auf Platz 24, bei den Warenimporten belegen sie die Plätze 16 und 26. Und während der gesamte Welthandel im letzten Jahr real um rund 12 % einbrach, gingen die Warenexporte aus der Region (ohne Mexiko) nur halb so stark zurück. Das NAFTA-Mitglied Mexiko wurde 2009 dagegen von der schweren Rezession bei seinem Haupthandelspartner USA - Exportanteil über 80 % - besonders in Mitleidenschaft gezogen.

 

… und mit schneller und robuster Erholung nach der Finanzkrise

In Lateinamerika hat die Konjunktur seit dem vergangenen Sommer zunehmend Fahrt aufgenommen. Zuvor hatte die Finanzkrise in der Region hauptsächlich den Außenhandel und die Gewinne der Rohstoffproduzenten belastet. Nun begünstigen die insbesondere in Asien anziehende Nachfrage nach Industrierohstoffen und die in der Folge wieder gestiegenen Rohstoffpreise den konjunkturellen Aufschwung. Die Binnenkonjunktur zeigte sich schon im Jahr 2009 dank der expansiv ausgerichteten Geld- und Finanzpolitik im Allgemeinen recht stabil. Auch die Finanzierungsbedingungen hatten sich im Zuge der Finanzkrise nicht sonderlich verschlechtert. Zwar waren die Risikozuschläge auf Staatstitel gegenüber US-Anleihen in einigen Ländern vorübergehend gestiegen; im Laufe des vergangenen Jahres haben sie sich jedoch deutlich reduziert und liegen meist wieder auf Vorkrisenniveau.

 

Nachdem die Produktion im ersten Halbjahr 2010 schon sehr kräftig zugenommen hat, rechnet der Internationale Währungsfonds in seinem aktuellen Wirtschaftsausblick für Lateinamerika mit einem robusten konjunkturellen Aufschwung in diesem und im kommenden Jahr: Das reale BIP der Region dürfte im Jahr 2010 überdurchschnittlich um fast 6 % wachsen und im Jahr 2011 mit 4 % genauso stark wie die Weltwirtschaft zulegen. Begünstigt wird die Expansion von einer - gemessen an früheren Jahren - zumeist recht soliden Verfassung der öffentlichen Haushalte, niedrigen Inflationsraten und einem insgesamt günstigen finanziellen Umfeld. Hinzu kommen die Impulse durch die weiter kräftig steigenden Erlöse aus dem Export von Industrierohstoffen und Agrarprodukten. Die Region profitierte nicht nur von der äußerst starken Nachfrage von Primärgütern aus Asien, sondern auch von den damit einhergehenden Preissteigerungen bei vielen "commodities". Als Nettoexporteur dieser Güter verbesserten sich die Terms of Trade für Lateinamerika deutlich. Dies gilt besonders für Brasilien, aber auch für Chile, Peru und Kolumbien. Die Zentralbanken haben sich deshalb in einigen Ländern schon veranlasst gesehen, die geldpolitischen Zügel wieder etwas anzuziehen. So hat die brasilianische Notenbank ihren Leitzins SELIC zwischen April und Juli 2010 von 8,75 % auf 10,75 % angehoben.

 

Exemplarisch sei noch kurz auf Brasilien eingegangen - die größte Wirtschaftsmacht des Subkontinents und zugleich einer der vier aufstrebenden BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) (vgl. auch Tab. 1).

 

 

Tabelle 1: BIP-Wachstum in Lateinamerika
 

  (nachrichtlich)
Bevölkerung
(Mitte 2010, in Mio.)
Anteil am Welt-BIP (*)
(in %)
BIP 2009
(in % gg. Vj.)
BIP 2010 (**)
(in % gg. Vj.)
BIP 2011(**)
(in % gg. Vj.)
Argentinien 40,5 0,5 0,9 7,5 4,0
Brasilien 193,3 2,9 -0,2 7,5 4,1
Chile 17,3 0,3 -1,5 5,0 6,0
Mexiko 110,6 2,1 -6,5 5,0 3,9
Lateinamerika 567 8,5 -1,7 5,7 4,0
China 1338,1 12,6 9,1 10,5 9,6
Indien 1188,8 5,1 5,7 9,7 8,4
Russland 141,9 3,0 -7,9 4,0 4,3
Weltwirtschaft 6915 100 -0,6 4,8 4,2
 
* = errechnet mit Wechselkursen nach Kaufkraftparitäten ** = Prognose
 
Deutsche Stiftung Weltbevölkerung, IMF World Economic Outlook October 2010, eigene Prognosen

 

Brasilien: Rasche Krisenüberwindung

Trotz des zunächst starken Rückgangs der Rohölpreise kam es in den Ländern, die relativ stark von Energieexporten abhängig sind, zu teils deutlich divergierenden Entwicklungen. Während Russland tiefe Einschnitte hinnehmen musste, kam Brasilien deutlich besser durch die Krise. Die Konjunkturentwicklung schwächte sich durch den globalen Exportrückgang zwar merklich ab, sie wurde jedoch von einer robusten Binnenkonjunktur und der im Vergleich zu Russland breiteren regionalen und sektoralen Diversifikation der brasilianischen Exporte gestützt. Schon zur Mitte des Jahres 2009 deutete sich eine Erholung insbesondere bei der Industrieproduktion an, die sich auch auf die lateinamerikanischen Nachbarstaaten positiv auswirkte.

 

So legte die gesamtwirtschaftliche Produktion schon im zweiten Halbjahr 2009 mit einer Rate von 3,5 % zu und das reale BIP hatte zum Jahresende das Vorkrisenniveau bereits wieder überstiegen. Triebfeder der Dynamik waren vor allem die Investitionen, die nicht zuletzt infolge der staatlichen Konjunkturstimulierung ausgeweitet wurden. Zudem trug der private Konsum, der unter anderem durch Steuerentlastungen angeregt wurde, zum Aufschwung bei. Das Ende der Steuervergünstigungen beim Kauf von langlebigen Gütern und Kraftfahrzeugen im ersten Quartal dieses Jahres hat natürlich auch zu Vorzieheffekten geführt. Insgesamt ist damit zu rechnen, dass die brasilianische Wirtschaftsleistung nach einem minimalen BIP-Rückgang im letzten Jahr in 2010 um fast 8 % zulegen kann.

 

Brasilia vor dem Präsidentenwechsel: Von Lula zu Rouseff?

Staatspräsident Lula kann nach zwei Amtszeiten nicht wiedergewählt werden. Nachdem bei der 1. Runde der Präsidentschaftswahl Anfang Oktober kein Kandidat die absolute Mehrheit erreichte, gibt es Ende Oktober eine Stichwahl zwischen dem konservativen Ex-Gouverneur Serra (33 %) und der Favoritin Rouseff aus dem Regierungslager (47 %), die Lulas Politik prinzipiell fortsetzen will.

 

Nachdem die Wahl des linksgerichteten Kandidaten Lula 2002 in Wirtschaftskreisen zuerst einige Besorgnisse ausgelöst hatte, verfolgte er doch einen primär marktwirtschaftlichen Kurs - allerdings mit stärker sozial- und umweltpolitischen Akzenten als seine Vorgänger. Das brachte ihm eine problemlose Wiederwahl ein. Insgesamt konnte Brasilien in den "Lula-Jahren" beachtliche wirtschaftliche Erfolge erzielen:

blau:
Das brasilianische BIP stieg in seiner Amtszeit von 2003 bis 2010 im Schnitt um über 4 % jährlich und die Jahresinflation wurde unter 7 % gehalten.
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Dies ging einher mit einem beachtlichen sozialen Aufstieg. Nicht zuletzt dank umfangreicher Wohnungsbauprojekte gab es einen Zuwachs bei der unteren Mittelschicht um 30 Mio., womit auch die inländische Kaufkraft stabilisiert wird.
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Aus dem wirtschaftlichen Erfolg erwuchs eine stärkere Rolle für Brasilien als Sprachrohr der Schwellenländer auf der internationalen Bühne. Dazu zählen der erweiterte Weltwirtschaftsgipfel und vor allem die G20, in deren Kreis mittlerweile wichtige globale (wirtschafts-)politische Entscheidungen fallen.
blau:
Und last but not least freut sich Brasilien natürlich auf die Ausrichtung der bei-den wichtigsten sportlichen Großereignisse, was die neugewonnene Leis-tungsfähigkeit des Schwellenlandes unter Beweis stellen soll. Zum einen fin-det die nächste Fußball-WM 2014 in Brasilien statt, zum anderen ist Rio de Janeiro im August 2016 Ausrichter der Olympischen Sommerspiele.

 

© Oktober 2010, Akademie für Welthandel AG, Frankfurt am Main